Eine postoperaistische Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Kleine Rezension zu Matteo Pasquinelli: The Eye of the Master. A Social History of Artificial Intelligence / Das Auge des Meisters. Eine Sozialgeschichte der Künstlichen Intelligenz



Matteo Pasquinelli rekonstruiert in The Eye of the Master. A Social History of Artifical Intelligence (2023) – auf Deutsch als Das Auge des Meisters. Eine Sozialgeschichte künstlicher Intelligenz (2024) – die Geschichte der künstlichen Intelligenz vor dem Hintergrund der Automatisierung von Arbeits- bzw. Arbeitsorganisationsprozessen in Folge der Industrialisierung und Elektrifizierung. Pasquinelli versteht seine Studie laut eigener Aussage zwar als eine „Kopernikanische Revolution“ (so geäußert während eines Online-Workshops im Dezember 2021), doch auch wenn die Stoßrichtung fruchtba ist, reicht es dazu leider nicht ganz, da er sich darin durchgehend auf bereits existierende und kanonische, oft bereits antiquierte Theorien stützt und der Untersuchungsgegenstand einen nur kleinen Ausschnitt an Phänomenen in einem sehr begrenzten Geschichtsraum repräsentiert. Vielmehr handelt es sich um ein ausgedehntes Essay, in dem eine postoperaistische Interpretation spezifisch ausgewählter Aspekte und Ereignisse in der historischen Entstehung von KI und Digitalität unternommen wird: KI und Digitalität werden exklusiv zur Folge der industriellen Ausbeutung und Ausdruck des Klassenkampfes erklärt. Sofern diese monofaktorielle Erklärung verfolgt wird und andere Bereiche wie die Epistemologiegeschichte oder Medienevolution ausgeblendet werden, handelt es sich auch nicht um eine „Sozialgeschichte der künstlichen Intelligenz“, vielmehr müsste der Untertitel des Buches korrekt und weniger irreführend lauten: „a post-operaist history of artificial intelligence“. Einige der Stärken und Schwächen dieses Ansatzes lassen sich leicht durch einen Abgleich mit dem kulturevolutionären Operationsketten- und Kapazitätenmodell aufzeigen, damit zugleich auch – und viel wichtiger – die Parallelen und gegenseitigen Ergänzungen. Wenn auch an vielen Stellen nicht vollständig überzeugend, so kann Pasquinellis Essay dennoch als wichtiges Brückenwerk verstanden werden, das Leser und Leserinnen für aktuellere und umfassender angelegte Ansätze zur Erklärung der KI und der Digitalen Revolution, wie die historisch-genetische Theorie oder Kulturevolutionsforschung sie anbieten, zu sensibilisieren vermag. Ich habe diese kleine, allerdings bei weitem nicht ausschöpfende Auseinandersetzung in die „Randnotizen“ zu GRI hinzugefügt.

Link zur Mini-Rezension von Pasquinelli, Matteo (2023). The Eye of the Master. A Social History of Artificial Intelligence. London: Verso / Pasquinelli, Matteo (2024): Das Auge des Meisters: Eine Sozialgeschichte Künstlicher Intelligenz. Münster: Unrast Verlag.

Verwendete Abbildungen:

Der Untersuchungsbereich von Matteo Pasquinelli, The Eye of the Master. A Social History of Artifical Intelligence, 2023, verortet in den kombinierten Realisierungskegeln der Neuzeit und Technologischen Zivilisation (Abb. modifiziert nach Löffler 2019, S. 603 f.).

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Illustration der Freistellung von Phänomenen in Korrelation zur Operationskettenstruktur (Löffler 2019, S. 219)

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Epistemologieevolutionäre Einordnung von Matteo Pasquinelli, The Eye of the Master. A Social History of Artifical Intelligence, 2023, als Ausdruck des Segments des Hybridenmaterialismus im Übergang zur Generativitätsphase im aktiven Informationalismus (Tabelle nach Löffler 2019, S. 647).