Kritiken, Repliken und weitere Anschlüsse zu Generative Realitäten I

Kritiken, Repliken und weitere Anschlüsse zu Generative Realitäten I

Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde; Briefe sind nur dünnere Bücher für die Welt.
Jean Paul

Liebe Leser:innen, liebe Interessierte,

zwischenzeitlich gingen viele Anfragen mit der Bitte bei mir ein, ein paar Worte zum Hintergrund von Generative Realitäten I zu sagen, die Grundidee des Ansatzes breiter auszulegen und Anschlüsse an andere Konzepte und Werke aufzuzeigen. Dieser Bitte möchte ich gerne nachkommen, indem ich auf dieser Seite auf einige der bislang vorliegenden Rezensionen und Kritiken eingehe. Die Rezensionen und Kritiken zu kommentieren bietet mir die Gelegenheit, Interessierten weiteres Material an die Hand zu geben und zu weiteren Dialogen einzuladen. Nachfragen und Feedback jeder Art sind jederzeit willkommen.


1. Stufen der Abstraktion in Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte.
Kommentar zur Rezension von Hanno Pahl, „Ein ganz großer Wurf“, Soziopolis, 14.1.2020

2. Nach der Kontingenz: Zur Matrix des Werdens.
Kommentare und Ergänzungen zur Rezension von Manfred Faßler, Soziologische Revue, 4.12.2020

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1. Stufen der Abstraktion in Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte.
Kommentar zur
Rezension von Hanno Pahl, „Ein ganz großer Wurf“, Soziopolis, 14.1.2020

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Zu dieser Rezension eine kleine Anmerkung.
An einer Stelle schreibt Hanno Pahl: „[An Bammés] Programm knüpft Löffler mit der Absicht an, es noch zu überbieten.“
Tatsächlich ging es in keiner Weise darum, Bammés Studie (Bammé, 2011) zu „überbieten“, sondern darum, sie produktiv fortzuführen. Meiner Einschätzung nach müsste Bammés Buch Homo Occidentalis (wie hoffentlich an einigen Stellen in Generative Realitäten I hinreichend deutlich gemacht wurde), bereits heute als Klassiker der Soziologie des 21. Jahrhunderts gelten. Doch erst die Einbettung der historisch-soziologischen Befunde Bammés in den höheren Rahmen der sozialen und kulturellen Evolution ermöglicht es, die in Homo Occidentalis aufgeworfenen und mit Bammés soziogenetischem Ansatz nicht lösbaren Fragen zu beantworten.
Speziell die Anwendung und Übertragung des kulturevolutionären Modells der auf dem Sperrklinken- bzw. Wagenheber-Effekt (Ratchet-Effekt; Kumulation) beruhenden „Erweiterung kultureller Kapazitäten“ (Haidle et al., 2015) ermöglicht es, die von Bammé isolierten „axialen Zäsuren“ – Achsenzeit in Griechenland (800-200 v.u.Z.), Neuzeit (1400-1900), Technologische Zivilisation (ab 1870) – in den allgemeinen Rahmen der Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte einzubetten. Hierdurch können
1) ihre Positionen im Zivilisationsprozess präzise angegeben werden,
2) die Entwicklungspfade der Gegenwart hin zur nun anbrechenden „Technologischen Zivilisation“ (Bammé, 2011) extrapoliert werden,
3) einige der kulturellen, institutionellen und geistigen Eigenschaften der „Technologischen Zivilisation“ abgeleitet werden.
Durch die Einbettung der „axialen Zäsuren“ in die kulturevolutionär aufgeschlüsselte Zivilisationsgeschichte wird es also möglich, die in Bammés Homo Occidentalis offen gebliebenen Fragen zu beantworten. Es wird etwa möglich abzuleiten, welche neue Kognitionsstruktur und Metaphysik, welches Weltverhältnis und Bewusstseinsform, welche Ökonomieform und politische Organisation auf Basis der heute sich entwickelnden Technologien entstehen kann, d.h. welche Zivilisationsform auf die Moderne folgen muss, aus ihr herauswachsend, derzeit noch im „Keimzustand“ der Potentialität. Bammés Homo Occidentalis bietet hierfür die notwendige Vorarbeit. So versteht sich Generative Realitäten I in keiner Weise als Versuch einer Überbietung, sondern steht vielmehr „auf den Schultern“ von Arno Bammés Werk, dies, indem es fortsetzt und gesamtgeschichtlich komplettiert, was Bammé zuerst skizziert hatte. Generative Realitäten I ist somit als der logisch folgende Schritt zu verstehen, der kumulativ, d.h. dem zivilisatorischen Wagenheber-Effekt gemäß auf Bammés Homo Occidentalis aufbaut.

Randnotiz 1. Die Dissertationsschrift, auf der das Buch Generative Realitäten I beruht, hatte ich Arno Bammé im Jahr 2016 vorgestellt und ihn damit auf die Notwendigkeit bzw. auf die Potentiale hingewiesen, die „axialen Zäsuren“ in den Verlauf der Kulturevolution einzubetten (das Kapitel zur Kritik am Ansatz von Homo Occidentalis verweist exakt auf den Sperrklinken- bzw. Wagenheber-Effekt, der auch in Hanno Pahls Rezension hervorgehoben wurde; vgl. Löffler, 2019, Kap. 7.6). Zwischenzeitlich hat Arno Bammé das Prinzip des Wagenheber-Effekts aufgegriffen und in seinem im Jahr 2020 erschienen Buch Die vierte Singularität. Perspektiven einer soziologischen Zeitendiagnostik verarbeitet (Bammé, 2020). Darin konzeptualisiert Bammé die „axialen Zäsuren“ nun jedoch als „Singularitäten“. Aus Sicht der neueren Kulturevolutionsforschung bzw. unter dem in Generative Realitäten I zur Anwendung gebrachten Modell der „Erweiterungsgrade kultureller Kapazitäten“ (Haidle et al., 2015) und der „Erweiterungsgrade zivilisatorischer Kapazitäten“ (Löffler, 2019) entsprechen die „axialen Zäsuren“ jedoch nur relativen Singularitäten, nicht absoluten Singularitäten. Relative Singularitäten bedeutet, dass diese Schwellen zwar in der konkreten Geschichte des Menschen einmalig durchlaufen wurden (bis auf die erste „Singularität“, die Bammé in der neolithischen Revolution identifiziert, die als Ausdruck der konvergenten Evolution bekanntlich an mehreren Orten und zu unterschiedlichen Zeiten stattfand, so also auf die in Generative Realitäten I betonten Konvergenzen und Universalen der Kulturevolution hinweist). Doch die Analyse der Gesamtgeschichte des Menschen vor dem Hintergrund der universalen Entwicklungsprinzipien der „Koevolution, Kumulation, Konvergenz und Rekursion“ (Löffler, 2019, Kapitel 1.2) zeigt, dass diese Schwellen keine „absoluten“ Singularitäten darstellen: Sie hätten aus kulturevolutionär-anthropologischer Sicht prinzipiell auch von anderen Kulturen durchlaufen und realisiert werden können. Es ist also nur ein historischer Zufall („Singularität“), dass sie konkret im „europäischen Sonderweg“ durchlaufen und realisiert wurden, es ist allerdings kein Zufall, dass sie durchlaufen und realisiert wurden! Sie hätten aufgrund ihrer Universalität als Stufen im Kumulationsprozess auch in kulturellen Entwicklungspfaden anderer Kulturen realisiert werden können.
So setzt Bammés Geschichtsrekonstruktion bei der „neolithischen Revolution“ an, überspringt dann jedoch die frühen Hochkulturen (Mesopotamien, Ägypten, China, Indien, Südamerika, deren Strukturähnlichkeiten wieder auf das Prinzip evolutionärer Konvergenz verweisen), um die Singularitätsthese halten zu können. Wie in Generative Realitäten I gezeigt, müssen jedoch die zivilisatorischen Innovationen und Leistungen der frühen Hochkulturen ebenfalls als notwendige Stufen im kumulativen Verlauf der Zivilisationsentwicklung (Wagenheber-Effekt) betrachtet werden, d.h. als universale Schwellen, deren Errungenschaften jeweils die notwendigen Voraussetzungen (Entwicklungsbedingungen) für spätere Errungenschaften darstellen (vgl. Löffler, 2019, Kap. 2.6). Nur wenn diese Phase bzw. Zäsur noch hinzugezogen wird, ergibt sich ein vollständiges Bild einer vom Sperrklinken- bzw. Wagenheber-Effekt bestimmten Zivilisationsgeschichte (vgl. Illustration in Löffler, 2019, S. 599, Abb. 16; link).
Das Erscheinen von Bammés Buch Die vierte Singularität bestätigt jedenfalls, dass die Verortung von Bammés Theorie als Ausdruck einer ab ca. 2020 einsetzenden neuen Phase der Sozialevolutionsforschung – und damit eines neuen Geschichts-, Menschen- und Weltbegriffs – in Generative Realitäten I korrekt gewesen ist. Bammés Werk ist als Ausdruck der „neosynthetischen Phase“ zu lesen, die auf die Phase des postmodernen System- und Kulturrelativismus folgt (siehe Löffler, Generative Realitäten I, 2019, S. 141, Tabelle 1; link).

Randnotiz 2. Apropos Zivilisationstheorie, Post-Relativismus, Konvergenz und „neosynthetische Phase“: Klaus Theweleit konzipiert in seinem 2020 erschienen Buch Warum Cortés wirklich siegte. Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen. Pocahontas 3, worin er die technikgeschichtlichen Gründe westlicher Dominanz aufschlüsselt, die menschliche Fähigkeit zur „Segmentierung und Sequenzierung“ als Relais zivilisatorisch-technologischer Entwicklung (vgl. Theweleit, 2020a; Theweleit, 2020b). Die Prinzipien „Segmentierung und Sequenzierung“ bilden dabei exakt Synonyme des in Generative Realitäten I herausgearbeiteten Prinzips der „Freistellung von Regularitäten“, der „Kommensurabilisierung von Agenten und Ereignissen“ und der „kumulativen Weltdifferenzierung“ sowie des „weltgenetischen Rekursionsgesetzes“ (vgl. Löffler, 2019, Kap. 4.3; Kap. 5.3; Anhang 3). Durch die Anwendung dieses Schlüsselprinzips menschlicher Weltbeherrschung (das im Übrigen bereits die Hominisation und kulturell-kognitive Evolution vor drei Millionen Jahren bestimmte und nicht erst, wie Theweleit annimmt, mit der Domestikation von Tieren vor etwa 10.000 Jahren ansetzte; vgl. Haidle et al., 2015), ergibt sich für Theweleit exakt dieselbe kumulative Folge zivilisatorischer Zäsuren bzw. von Stufen der Weltdifferenzierung, die auch in Generative Realitäten I gezeigt wurde. So Theweleit im Interview mit dem Deutschlandfunk:

„Und immer mit diesen beiden Prinzipien, die sich mir dann auftaten: Man segmentiert Teile der Wirklichkeit, behandelt sie in einer bestimmten Weise. Sieht, was geht. Sieht, was nicht geht. Dann bildet man Folgen davon, Sequenzen.
Die drum herum lernen das auch. Und das setzt sich fort über dann Metallschmelze, Tausende Jahre später, wo Erze und Metall und die Schlacke getrennt werden. Es setzt sich fort im Schiffsbau, zusammengesetzt aus ganz vielen verschiedenen Teilen: Seilen, Segeln, Masten, Hölzer von hier, Metalle von dort, bis hin zum Alphabet, das meiner Meinung nach daraus entsteht.
Diese Technik, die Welt in 26 Buchstaben, 24 Buchstaben zuerst, zu zerlegen und daraus ein Aufzeichnungsgerät zu machen, das phonetische Alphabet – das ist der Unterschied zu den Schriften vorher, die es gibt, das griechische phonetische Alphabet.
Und das geht weiter in Mathematisierung, Geometrisierung des Raums, Globus, Weltkarte anlegen, immer in Planquadraten, Längengrade, Breitengrade bis zur Atomstruktur, bakterielle Struktur, Mikroskop, heute in den Computern dasselbe Prinzip, Segment, Segment, Segmentierung, Segmentierung, endlose Sequenzketten, die wir heute in der sogenannten Digitalisierung haben.“ (Theweleit, 2020b).

Hierin benennt Theweleit exakt dieselben die Phänomene und Innovationen, die Arno Bammés „axiale Zäsuren“ bzw. die „Grade zivilisatorischer Kapazitäten“ in Generative Realitäten I charakterisieren, etwa Piktogrammschrift, Alphabet, zentralperspektivische Geometrisierung, Informationstechnologie (vgl. Löffler, 2019, S. 599, Abb. 16; link).
Genauer aufgeschlüsselt und illustriert findet sich der Prozess der „Segmentierung und Sequenzierung“ (Theweleit, 2020) bzw. der Prozess der „kumulativen Weltdifferenzierung“ in den Abbildungen zu den „Realisierungskegeln“ der jeweiligen „zivilisatorischen Kapazitäten“ (vgl. Löffler, 2019, S. 602-604, Abb. 17.1-17.3; link).
Auch Theweleits Ansatz ist also wie auch der Bammés als Ausdruck der „neosynthetischen Phase“ der Sozialevolutionstheorie zu verstehen (vgl. Löffler, Generative Realitäten I, 2019, S. 141, Tabelle 1; link).
In der Konvergenz dieser wohl unabhängig voneinander entstandenen Zivilisationstheorien drückt sich derselbe neue Grad der Weltdifferenzierung aus.


Literatur

Arno Bammé. Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistemologie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2011.

Arno Bammé. Die vierte Singularität. Perspektiven einer soziologischen Zeitendiagnostik. Marburg: Metropolis, 2020.

Miriam N. Haidle, Michael Bolus, Mark Collard, Nicholas J. Conard, Duilio Garofoli, Marlize Lombard, April Nowell, Claudio Tennie und Andrew Whiten. „The nature of culture: an eight-grade model for the evolution and expansion of cultural capacities in hominins and other animals.“ Journal of Anthropological Sciences 93: 43-70, 2015. https://doi.org/10.4436/JASS.93011.

Davor Löffler. Generative Realitäten I: Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019.

Hanno Pahl, „Ein ganz großer Wurf.“ Soziopolis, 14.1.2020; Online-Ressource: https://www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/ein-ganz-grosser-wurf/

Klaus Theweleit. Warum Cortés wirklich siegte. Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen. Pocahontas 3. Berlin: Matthes & Seitz, 2020 (a).

Klaus Theweleit. Interview mit Joachim Scholl. „Theweleits Weltkulturgeschichte der Kolonisation. Pocahontas – oder am Anfang war #MeToo“. Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 21.07.2020; 2020 (b); https://www.deutschlandfunkkultur.de/theweleits-weltkulturgeschichte-der-kolonisation-pocahontas.1270.de.html?dram:article_id=480946 (gesichtet 21.7.2020).

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2. Nach der Kontingenz: Zur Matrix des Werdens.
Kommentare und Ergänzungen zur
Rezension von Manfred Faßler, Soziologische Revue, 4.12.2020

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Es freute mich sehr, dass die in der Soziologie renommierte Zeitschrift Soziologische Revue eine Besprechung der interdisziplinären Studie Generative Realitäten I veranlasst hat, und besonders auch, dass diese Besprechung durch den Kultur- und Medienanthropologen Manfred Faßler unternommen wurde. Herr Faßler war einer der wenigen, die früh klar sahen, dass mit der Informationstechnologie – aufgrund der „Infogenität“ und „Technogenität“ des Menschen und der Kultur – eine nachmoderne Welt anbricht (etwa in Faßler, 1999; Faßler 2005; Faßler, 2009; Faßler, 2020a). Der Theorieentwurf in Generative Realitäten I ist als eine produktive und progressive Fortführung dieser Einsicht zu verstehen: Nachdem in den vorherigen Generationen der geschichtliche Bruch noch intuitiv bemerkt und begrifflich nur vortastend erfasst wurde, galt es nun, ihn genauer, d.h. anthropologisch-zivilisationsgeschichtlich exakt zu bestimmen. Es darf also nicht dabei verblieben werden, den Bruch nur zu bemerken, sondern es ist nun nach Möglichkeiten zu suchen, ihn umfassend zu begreifen, um hierdurch auch antizipieren zu können, welche konkreten Formen oder zumindest Rahmenbedingungen zukünftiger Sozialität und Zivilisation mit dieser Zäsur entstehen können. Hierdurch soll idealerweise der Übergang aus einem Beobachten der Prozesse in ein Lenken der Prozesse ermöglicht werden. In anderen Worten: Dem derzeit existenziell notwendigen Transformationsdesign soll eine anthropologisch-zivilisationstheoretische Grundlage vorgelegt werden, um hierdurch hierdurch historisch, anthropologisch und kulturevolutionär informiert entscheiden zu können, welche transformativen Maßnahmen bzw. Richtungen überhaupt möglich und sinnvoll sind und welche nicht. Entsprechend erweist sich der Ansatz von Generative Realitäten I als die konsequente Fortführung dessen, was die vorherigen Generationen erarbeitet haben. Die Studie schließt theoriegeschichtlich an die Phase der Historischen Anthropologie, der Poststrukturalismen, der Medientheorie, der Medienanthropologie, der Systemtheorien, der Akteur-Netzwerk-Theorien, der Posthumanismen und Neuen Materialismen an (1980-2020; siehe Tab. 1 und 9 unten), unternimmt dabei jedoch den nächsten logischen Schritt – dies jedoch nicht in „horizontaler“ Abgrenzung, indem es diesem Spektrum lediglich ein zusätzliches Paradigma beistellen würde, sondern indem es die Gesamtheit dieser Paradigmen synthetisiert und „vertikal“ darauf aufbaut und so progressiv über diese Phase hinausführt. Darum ist es eine glückliche Fügung, dass das Buch einem für diese Fragestellung sensibilisierten und in anthropologischer, soziologischer und mediengeschichtlicher Theorie äußerst versierten Kulturanthropologen, also Manfred Faßler, der auch selbst noch up-to-date-Wissenschaft produziert, zur Bewertung vorgelegt wurde.
Im Folgenden möchte ich auf die Rezension von Herrn Faßler eingehen, indem ich die Befunde und die Stoßrichtung seiner initialen und vortastenden Auseinandersetzung mit der Studie etwas breiter zu kontextualisieren versuche. Hierdurch lassen sich die Möglichkeiten einer „Beobachtung 3. Ordnung“ illustrieren, die der Ansatz von Generative Realitäten I nun anbietet. Zum Schluss reiche ich noch einige Ergänzungen zu den Inhaltsangaben in der Rezension nach, die bedauerlicherweise an einigen entscheidenden Stellen die tatsächlich verhandelten Themen und Inhalte des Buches inadäquat bzw. schlicht falsch wiedergeben.

Das Kernanliegen des Buches – der erwähnte Nachweis der Möglichkeit einer neuen Zivilisationsform nach der Moderne mittels einer über die alten Wissensstände hinausgehenden neuen, integrativen Theorie – fand in der Rezension von Manfred Faßler erfreulicherweise zugleich seine Bestätigung und Würdigung. So führte die Lektüre von Generative Realitäten I bei Herrn Faßler seinem Bekunden nach zu einem fundamentalen Umdenken oder Neudenken, das jenem Umdenken und Neudenken gleichkommt, von dem mir bereits einige andere Gelehrte derselben Theorie- und Weltanschauungsgeneration nach ihrer Lektüre berichtet hatten. Faßler formuliert dies in der Rezension so, dass er „als Leser wieder aufmerksam gegenüber der zielgerichteten Multilinearität der Entwicklung [ge]macht [wurde] – eben Linearität. Im ‚mountaineering effect‘, der Staffel- und Multifacettenevolution […] und der raschen Formulierung einer ‚Universalität von Entwicklungsniveaus‘, gewinnt diese (rückblickende) Zielhypothese wieder Gewicht.“ (Faßler, 2020b, S. 581). Der Ansatz in Generative Realitäten I negiert zwar explizit das antiquierte Konzept teleologischer oder „zielgerichteter“ geschichtlicher Entwicklung (wie etwa jenes der aus heutiger Sicht sehr plumpen Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts oder der in der Unterscheidung „Zivilisation vs. Wildheit“; ausführlich hierzu in Löffler, 2019, Kap. 2). Dennoch, nun vom Entwicklungsmythos der westlich-bürgerlichen Gesellschaft losgelöst, rehabilitiert der Ansatz das Konzept „Entwicklung“, dies jedoch auf einem neuen Abstraktionsniveau. Entwicklung wird durchaus als existent begriffen, zwar nicht als zielgerichtet, aber doch als „orientiert“ und „linear“, nämlich als kumulativer Lernprozess („Entwicklung hat eine Richtung, aber kein Ziel“ nach Mueller, 1982, S. 212). „Lineare“ Entwicklung bedeutet in Generative Realitäten I, dass Innovationen (und somit die Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte) nicht im luftleeren Raum oder „kontingent“ entstehen (oder irgendwie magisch oder chaotisch-zufällig sich realisieren könnten), sondern stets auf früheren aufbauen. Innovationen treten zwar, wie der Name schon sagt, unerwartet auf: Sie sind wie alles Neue eben „neu“. Dass sie ihrer Natur gemäß unerwartet auftreten, darf jedoch nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass sie beliebig auftreten könnten oder bedingungsfrei entstehen würden, also sich nicht grundsätzlich unter bestimmten historisch gegebenen Einschränkungen und Möglichkeiten erst einstellen würden. Emergenz und Innovation sind also nicht beliebig offen und kontingent, sondern realisieren sich in einem Phasenraum, d.h. einem Raum an Möglichkeiten, der von historisch-kulturellen Vorbedingungen und lokalen Faktoren bestimmt ist (auch der Zufall muss in etwas Wirkung haben, von etwas aufgenommen werden, etwas affizieren, denn anderenfalls würde das zufällige Ereignis verpuffen und hätte nie existiert, und eine emergente Struktur könnte sich nicht stabilisieren und dauerhaft werden). Eben diesen Prozess der (vor-)bedingten Innovation bezeichnet der für die Studie zentrale Begriff der Kumulation bzw. der Ratchet-Effekt, Wagenheber-Effekt oder Sperrklinken-Effekt (vgl. Tomasello, 1990; Tennie et al., 2009; Henrich, 2016; Haidle et al., 2015; Löffler, 2019, Kap. 1.2, 3.6, 4.4, 5.4). Kumulation definierten Tennie et al. so: „Human cultural transmission is thus characterized by the so-called ‚ratchet effect‘, in which modifications and improvements stay in the population fairly readily (with relatively little loss or backward slippage) until further changes ratchet things up again.“ (Tennie et al., 2009, S. 2405). Das Kumulationsprinzip – Innovationen bauen aufeinander auf – begründet eine relative Linearität, eine relative Gerichtetheit der Geschichtsentwicklung. Geschichte wird als kumulativer Lernprozess begreifbar: Spätere Geschichtsphasen sind nur denkbar als Ergebnis des Durchlaufens früherer Geschichtsphasen, spätere Technik- oder Wissensinnovationen bauen notwendig auf früheren auf (etwa: ohne Rad kein Automobil oder Flugzeug, ohne Schrift kein Computer, ohne Elektrizität kein Computer etc.). Die Einsicht in dieses absolute Prinzip menschlicher Weltentstehung steht im Kern der Studie Generative Realitäten I. Sie zeigt, dass und wie die Technologien der Gegenwart unter angebbaren Vorbedingungen entstanden sind. Dabei lässt sich die Folge der Entwicklungen dieser Vorbedingungen bis zum ersten Werkzeuggebrauch vor drei Millionen Jahren zurückführen, nämlich bis zur ersten Herstellung einfacher Steinwerkzeuge mit anderen einfachen Steinwerkzeugen (so verarbeitet die Studie den gesamten Zeitraum von der Hominisation bis zur Gegenwart, also die Zeit von vor 3 Mio. Jahren bis heute, und setzt nicht erst, wie in der Rezension angegeben, vor 200.000 Jahren an (vgl. Faßler, 2020b, S. 575; detailliert hierzu unten); eben die menschlich-kulturelle Geschichte in diesem Buch als einheitlichen Prozess in den Blick genommen zu haben, trägt die von Faßler vermerkte „Wucht seiner Argumentation“ (Faßler, 2020b, S. 575)). Der sekundäre Werkzeuggebrauch ist die „erste“ Innovation, die den Beginn der Gattung Homo und den Urknall des Anthropokosmos markiert. Diese evolutionäre Zäsur, diese neue Fähigkeit eines Organismus, steht am Anfang einer langen Kette weiterer Innovationen. Die kumulative Entwicklungsgeschichte, so der Clou der Studie, lässt sich mittels der Konzepte der „kulturellen Kapazität“ (Haidle et al., 2015) und der „zivilisatorischen Kapazität“ (Löffler, 2019, Kap. 5) aufschlüsseln. Hierdurch können absolute Stufen in diesem Entwicklungsprozess identifiziert werden, also diskrete Grade der Domestikationsfähigkeit oder „Ebenen der Machbarkeit“ (Popitz) freigestellt werden (siehe hierzu unten in den „Ergänzungen zur Rezension“). Mittels der analytischen Konzepte der „kulturellen Kapazitäten“ und „zivilisatorischen Kapazitäten“ lässt sich dann auch die Geschichte aller gegenwärtigen Technologien (und damit einhergehend der technisch-kulturell vermittelten Weltverhältnisse und Kognitionstrukturen) „glatt“, d.h. konsistent und faktisch, bis zum Beginn der Menschheitsgeschichte zurückverfolgen. So ist bspw. der Algorithmus in diesem Sinne kein Phänomen des 20. oder gar 21. Jahrhunderts, sondern prinzipiell bereits in der Frühzeit des Menschen operativ bei der Herstellung von Werkzeugen zur Anwendung kam, wenn auch natürlich noch nicht in abstrakt-symbolischer Form freigestellt (dies ab den Hochkulturen vor 5000 Jahren) oder – darauf aufbauend – in die Materie ausgelagert (wie heute im Computerchip). Eben diese relative, kumulationslogische Linearität der Geschichtsentwicklung freigestellt und sie als kumulativen Lernprozesses formal beschrieben zu haben ermöglicht es einerseits, die Gegenwart exakt in der Matrix der Entwicklungsgrade der kulturellen Evolution und Zivilisationsgeschichte zu verorten, und andererseits darüber hinaus auch die Linie der Technik-, Kultur- und Geschichtsentwicklungen fortzuführen und in die Zukunft zu extrapolieren. Die anthropologische-kulturevolutionäre Neudefinition der linearen, nicht-teleologischen Entwicklung erlaubt also, die Stelle und Bedeutung der Phänomene der Gegenwart im diskret gestuften Geschichtsprozess exakt zu bestimmen und sie mit früheren solchen Übergängen und Zäsuren zu vergleichen.
Wenn gezeigt ist, worin das Wesen oder das Grundprinzip der Geschichte besteht (Kumulation und Rekursion), kann sich der Mensch in Distanz zur Geschichte stellen und sich vom „technologischen Unbewussten“ (Thrift, 2005) emanzipieren, wodurch die Geschichte selbst ein Gestaltungsraum wird und das, was vormals als kontingent erschien, eingeschränkt wird und sich auf Faktoren hin reduzieren lässt, also diskretisiert und objektiviert wird. Diese Perspektive wurde im Buch als „Beobachtung 3. Ordnung“ oder „Generativer Prozessualismus“ eingeführt: Wird die Geschichte als regelhafter Prozess begriffen, wird es möglich, alle ihre Erscheinungen – inklusive der Phänomene der „Beobachtung 2. Ordnung“ (Theorien, Philosophien) – „von außen“ zu betrachten, da sie jeweils zivilisationslogisch auftretende Punkte im regelhaften Ablauf der Geschichte darstellen. Nach einer Phase des Kulturrelativismus, des Negierens von Entwicklung und des Kontingenzdenkens zeigt sich nun auf Basis des zwischenzeitlich erarbeiteten Wissens einer Vielzahl an Feldern und Disziplinen, dass der relativ-lineare, kumulative Entwicklungsbegriff unabdingbar ist für eine umfassende Beschreibung der Geschichte wie auch für eine umfassende Verortung der Gegenwart im Geschichtsprozess. Eben dieses Angebot einer neuen, nach-eurozentrischen und nach-relativistischen, anthropologisch-universalen Perspektive auf die Geschichte, die Technologie und den Menschen hat der Rezensent angenommen.

Es ist nun höchst bedeutsam, dass Manfred Faßler als Vertreter eines bestimmten kulturwissenschaftlichen Paradigmas und Weltbildes zu dieser Einsicht finden konnte. Man kann Herrn Faßlers ursprüngliche Theorieorientierung (wie eines jeden anderen auch) als Ausdruck einer Generation bzw. eines Segments im Realisierungskegel der gegenwärtigen Zivilisationsphase verstehen. Faßlers Ansätze und Fragen sind, wie man an seinen Werken wie auch an einigen Aussagen in der Rezension ablesen kann (etwa am Verweis auf die Memetik; Faßler, 2020b, S. 580), eindeutig der „Fragmentarisierungsphase“ der Sozialevolutionsforschung bzw. der „Virtualitäts-Phase“ und „Hybriden-Phase“ der Sozial-, Medien- und Kulturwissenschaft des 20. und 21. Jahrhunderts zuzuordnen. Die beiden folgenden Tabellen aus Generative Realitäten I zählen die Merkmale dieser Phasen auf und veranschaulichen ihre Position im Laufe der kumulativen Entwicklung der Geistesgeschichte im Realisierungskegel der gegenwärtigen Zivilisationsphase. Es wird deutlich, dass auf die Phasen der „Fragmentarisierung“ und der „Virtualität“/„Hybridisierung“ notwendig – und darauf aufbauend! – weitere Phasen folgen müssen. Indem wir uns auf die Schulter dieser Giganten stellen, sehen wir weiter, doch ohne deren Schultern würden wir nichts sehen. Anders ausgedrückt: Wenn wir heute feiner differenzieren und integrieren können, so können wir das nur, weil wir auf den Differenzierungs- und Integrationsleistungen unserer Vorgänger aufbauen. Wir gehen also den nächsten Schritt. Hält man sich diesen Generationenunterschied (und dass es ihn gibt) vor Augen, liest sich die Rezension mit zusätzlichem Gewinn.

Tabelle 1. Paradigmenphasen der Kultur- und Sozialevolutionsforschung (aus: Löffler, 2019, S. 141).

Tabelle 9. Passiver und aktiver Informationalismus (aus: Löffler, 2019, S. 647).


Eine der zentralen Entdeckungen der Generation bzw. des Entwicklungssegments der Fragmentarisierungs- und Virtualitätsphase (1980-2020) ist das Prinzip der Koevolution. Geist, Technologie, Medien oder Kultur haben ihren Status als absolute Größen verloren. Unter dem Begriff des Systems konstituieren sie sich gegenseitig in einem dauernden Wechselspiel. Diese Entdeckung ist konsequenterweise begleitet und flankiert von der ontologisch-weltanschaulichen Folgerung der kontingenten Entwicklungsoffenheit und der „flat ontologies“: Wenn die Konstitution der Wirklichkeit (oder deren Sparten wie „Geist“, der Materiebegriff, die Kultur etc.) sich stets aus einem Zusammenspiel ontologisch unterschiedlicher, aber als gleichrangig verstandener Bereiche bzw. aus der Interaktion geschlossener, ontologisch disparater, prozessual aber als gleichrangig verstandener Systeme ergibt, so kann keinem der einzelnen beteiligten Bereiche oder Systeme mehr eine absolute Universalität oder das kausale Primat zugesprochen werden. Es gibt dann auch – eben typisch für das spätmodern-eurogene postmoderne und relativistische Denken – keine endgültigen Wahrheiten mehr, keine Essenzialismen, keine Universalien oder Universalismen. Darum wird auch die Vorstellung einer wie auch immer gearteten linearen Entwicklung hinfällig: Zum einen wird die Geschichte dann als in kultur- und systemrelative Prozesse zerfasert aufgefasst, zum anderen kann dann ein allgemeines, universales Entwicklungskriterium nicht mehr behauptet oder bestimmt werden. Geschichte und Entwicklung wird also als kontingent und offen aufgefasst, da keine übergeordnete Perspektive mehr einnehmbar ist, die etwa Entwicklungsstände absolut zu bestimmen erlauben würde (eine solche Bestimmung wäre ja nur der „Code“ der eigenen Kultur oder des eigenen Systems, der selbstreferenziell auf die Welt projiziert werden würde, wie uns die „Post-ismen“ des 20. Jahrhundert gelehrt haben). Die Wirklichkeit franst unter diesem geisteswissenschaftlichen Paradigma also aus in die zueinander relativen, „polykontexturalen“ (Gotthard Günther) Realitäten der disparaten, partikularen und selbstreferentiellen Systeme, für die es kein Außen und keine Objektivität mehr gibt. Aus dieser Weltanschauung (rückblickend eines Tages sicher auch eine Ideologie) ergibt sich dann die Ansicht, dass die Geschichte, die Technik- oder Medienentwicklung eine Art entwicklungsoffenes Wuchern darstellen würde, das jederzeit in jede Richtung abschwenken könne. Kurz: alles ist kontingent, alles könnte jederzeit anders sein. Diese Ansicht jedoch kann zu keiner ausreichenden Lösung führen, denn die Geschichte wie auch die gegenwärtige Menschheitslage einfach als kontingent zu erklären würde bedeuten, den Gegenstand selbst als kontingent zu erklären, womit er sich auflösen würde und keine Aussagen mehr darüber möglich wären. Es bliebe nur noch das selbstreferenzielle Kreisen in der Aussage: Alles ist kontingent, so auch diese Aussage. Auch ist eine kontingente Geschichte keine Geschichte mehr und auch die Gegenwart nicht mal eine Nach-Geschichte, denn dann dürfte es auch keine Vor-Geschichte mehr geben. Die offensichtlichen Aporien, die das Kontingenzdenken in sich trägt, führen jedoch nicht nur in eine epistemologische und ontologische Sackgasse, sondern auch in eine normative: Sollte alles kontingent sein und jeder Bezug auf die Welt zu einem zufälligen kulturellen Konstrukt erklärt werden, dann würde dies etwa auch für den Klimawandel oder seine Auslöser gelten müssen – eine mittlerweile existenziell höchst gefährliche Annahme. Kontingenz kann kein abschließender Befund sein (ein Befund, der im Übrigen verwandt mit dem Phantasma des „Endes der Geschichte“ und genauso obsolet ist). Dass nun tatsächlich viele Vertreter dieses Paradigmas bzw. dieser epochentypischen Weltanschauung wie Herr Faßler durch die Lektüre des Buches Generative Realitäten I an einen (relativ-)linearen Begriff der Geschichtsentwicklung zurückerinnert werden konnten, obwohl sie über Jahrzehnte hinweg die gegenteilige Position vertraten, kann als Beleg für die Plausibilität der Resultate und als Bestätigung der Innovationsleistung der Studie gedeutet werden.

Vermutlich vor allem deshalb, weil Herrn Faßlers Werk und Weltbild in der Phase des Kontingenzdenkens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist, enthält die Rezension eine deutliche Schlagseite in Richtung der Vorstellung einer „entwicklungsoffenen Koevolution“, die durchgehend betont wird – und für mich als Autor jedoch sehr überbetont wird, denn Koevolution ist nur eines neben drei anderen wesentlichen Entwicklungsprinzipien. Es geht in der Studie gerade nicht mehr darum, lediglich auf die koevolutionäre Entwicklungsoffenheit hinzuweisen, sondern darum, die Grenzen der Entwicklungsoffenheit aufzuzeigen, indem die Strukturen, Logiken und Bahnen von Entwicklung freigelegt werden. So nimmt Herr Faßler das Konzept der Kumulation, also die schrittweise und damit gerichtete, relativ-lineare Entwicklung, zwar wahr, doch müsste dieses Entwicklungsprinzip sehr viel stärker hervorgehoben und behandelt werden, denn es ist in Generative Realitäten I konzeptuell-theoretisch wie ontologisch-epistemologisch von gleichrangiger Bedeutung wie das Prinzip der Koevolution und bildet ein weiteres der vier axiomatischen Kernkonzepte des Ansatzes. Die Kumulation erweist sich als der eigentliche Schlüssel zur Geschichte. Nur durch dieses Konzept lässt sich rekonstruieren, was die Gegenwart aus kulturevolutionärer Perspektive ist, wie es zu ihr kam und wohin sie führt.
Das Prinzip der Koevolution ist also sozusagen „ein alter Hut“. Es wurde, wie oben beschrieben, bereits in der Fragmentarisierungsphase der Kultur- und Sozialevolutionsforschung (zwischen 1980 und 2000) entwickelt und verwendet, etwa in der Medientheorie von Vilém Flusser Ende der 1980er, in der Historischen Anthropologie bei Heinrich Popitz Mitte der 1990er, oder noch früher in der historisch-materialistischen Geschichtstheorie von Serge Moscovici von Anfang der 1980er, die Faßler eben auch in der Rezension als Referenz anführt (vgl. Faßler, 2020b, S. 574). Ein „neuerer Hut“ hingegen ist nun das Prinzip der Kumulation. Die Synthese jedoch von Koevolution und Kumulation hat folgenschwere und weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Geschichte, Kultur und Mensch. Diese Synthese darf nicht übergangen werden, wenn über Generative Realitäten I gesprochen wird, denn darin besteht meinem Verständnis und Ansinnen nach das eigentliche Innovationspotential des Ansatzes.
Denn wenn etwa Geist und Technologie sich koevolutionär entwickeln, dann bedeutet dies, dass die Entwicklung der Technik auch die Entwicklung des Geistes bestimmen kann. Wenn sich aber die Technik kumulativ und relativ-linear entwickelt, dann muss auch der Geist, da er mit der Technik koevoluiert, sich mit ihr mitentwickeln! Wenn also Kumulation existiert, dann wirkt diese nicht nur in der Technikentwicklung, sondern auch in der Entwicklung von Strukturen des Geistes! Dann gilt es jedoch zu bestimmen, worin genau eine „Kumulation“ „des Geistes“ bestehen kann, oder, formaler ausgedrückt, was eine Kumulation kognitiver Fähigkeiten beinhaltet und was genau sie betrifft, was genau es ist, das sich darin oder daran kumulativ entwickelt (zu den Details siehe Löffler, 2019, Kap. 4.2, 4.3, 5.2, 5.3). Wesentlich ist jedenfalls, dass sich die Strukturen des Geistes eben nicht beliebig oder kontingent ausbilden, sondern sie, sofern die Prinzipien Koevolution und Kumulation gelten, Entwicklungsprinzipien und Entwicklungslogiken unterliegen müssen. Dies ist der eigentliche Kern des Ansatzes, der im Buch durchgehend thematisiert und etwa im prominent verwendeten Begriff des „Formzusammenhangs“ verdichtet wurde (auf den Herr Faßler nicht eingeht): Es besteht ein „Formzusammenhang“ zwischen den jeweils ausgebildeten, an einem Punkt in der (Entwicklungs-)Geschichte existierenden Techniken, kulturellen Strukturen und Kognitionsformen. Auf Basis der Synthese von Koevolution und Kumulation, des Konzepts der „zivilisatorischen Kapazitäten“ als diskreten Graden der Abstraktion und des Begriffs des „Formzusammenhangs“ konnte etwa gezeigt werden, dass selbst die Mathematik sich keineswegs kontingent entwickelt, sondern stets als Ausdruck der kulturellen, technischen und medialen Komplexität der diskreten Stufen der Entwicklung erscheint und stets Teil eines „Formzusammenhangs“ ist (vgl. Löffler, 2019, Anhang 4). In der Rezension stellt Herr Faßler diese Verbindung von Koevolution und Kumulation nicht her. Darin heißt es: „Die Entwicklungen, die Löffler überzeugend herausarbeitet, kann es nur im Geistigen, im Kognitiven geben. Im Materiellen ist alles determiniert.“ (Faßler, 2020b, S. 578). Eben diese Trennung aufgehoben zu haben mittels der Synthese von Koevolution und Kumulation und dadurch gezeigt zu haben, dass die „Determination“ des „Materiellen“ über die Technik vermittelt auch zu einer Eingrenzung der Realisierungsmöglichkeiten des „Geistigen“ und „Kognitiven“ führt, ist die Kernaussage des Buches. Geist, Kultur und Technik entwickeln sich in abgegrenzten, eingrenzbaren, rekursiv-hierarchisch gestuften und somit diskret voneinander unterscheidbaren Phasenräumen. Sie entwickeln sich zwar nicht streng determiniert, jedoch auch nicht offen und kontingent, sondern prä-limitiert, also in Phasenräumen möglicher generativer Wechselwirkungen. Und hieraus ergibt sich dann auch das Ergebnis der Studie: Ein neuer solcher Phasenraum, der kumulativ und rekursiv auf dem vorherigen aufbaut, nämlich auf dem der Neuzeit, ist die Technologische Zivilisation.
Die Art, wie Welt dem Menschen geschichtlich jeweils erscheint, wie er sie sich jeweils erschließt, wie er sie jeweils konstruiert, ist nicht kontingent, sondern unterliegt constraints und folgt damit Entwicklungsbedingungen, Entwicklungsfaktoren und somit Entwicklungslogiken. Und genau diese Entwicklungslogiken und diskreten Strukturen im koevolutionären Entwicklungsprozess von Geist, Technik und Kultur freigelegt zu haben („Rekursionsgrade zivilisatorischer Kapazitäten“), ist das Resultat der Studie Generative Realitäten I. Jeweils evoluierte Weltverhältnisse und kulturelle Strukturen lassen sich nun „von der Seite“ her beschreiben, von einem Punkt von außerhalb der „inwendigen“ Weltbezüge, eben aufgrund der Repositionierung des Blicks zu einem Standpunkt, der von der Logik ihrer Entwicklung ausgehend ihre Konkretisierungen einbettet. Dieser kulturevolutionär und zivilisationstheoretisch begründete „archimedische Punkt“ (Löffler, 2019, S. 54f, Zif. 173; S. 136) ermöglicht einen Blick von außen auf die jeweils ausgebildeten Weltinnenseiten, auf die Weltbezüge des Menschen, und begründet somit eine „Beobachtung 3. Ordnung“.

Koevolution und Kumulation stellen jedoch nur zwei der vier in der Studie zur Anwendung gebrachten axiomatischen Entwicklungsprinzipien. Die beiden anderen axiomatischen Prinzipien, die in der Rezension von Manfred Faßler vollständig ausgeblendet wurden, obwohl sie wesentlich für die gesamte Argumentation sind, sind die Konvergenz und die Rekursion. Sie sind ein essenzieller Teil des Werkes, denn durch deren Anwendung zeigt sich, dass die kumulativ geschichtete und koevolutionär voranschreitende historische Entwicklung als strukturiert, diskret und gestuft verstanden werden muss (und nicht als aleatorisch, graduell oder kontingent offen verlaufend). Sie erlauben, eine universale Erklärung evolutionärer, kulturevolutionärer und zivilisationsgeschichtlicher Entwicklung abzuleiten. Konvergenz bezeichnet die evolutionäre Entwicklung gleichartiger Fähigkeiten, Funktionen und Eigenschaften in unterschiedlichen Organismen oder Kulturen (für die Zivilisations- und Geistesgeschichte besonders bedeutend die „multiplen Entdeckungen“ in den Wissenschaften aller Kulturen oder etwa die voneinander unabhängig in verschiedenen Hochkulturen vollzogene Entwicklung zentraler Kulturtechniken wie Schrift, Bürokratie, Mathematik etc.). Rekursion bezeichnet den Entwicklungsmechanismus in der Evolution kulturell-instrumenteller Weltdomestikation, der im Dreischritt Abstraktion, Emulation und Externalisierung/Materialisierung eines funktionalen Interaktionsprozesses besteht: Muster von Interaktionsprozessen der Mensch-Technik-Assemblagen (etwa ein Speerwerfer) werden auf die Funktion abstrahiert, in Materie externalisiert und in einer neuen materiellen Anordnung (etwa Pfeil-und Bogen) prozessemulativ wiedereingeführt (Rekursion). Das Prinzip der Konvergenz legt die Phasenraumstruktur des Geschichtsprozesses frei, da es zeigt, dass unter gleichartigen zivilisatorischen Problemlagen gleichartige zivilisatorische Lösungen entstehen (und eben keine anderen); das Prinzip der Rekursion legt die diskrete Gestuftheit und Geschichtetheit des Geschichtsprozesses frei.
Eine detaillierte Erläuterung dieser beiden Prinzipien würde an dieser Stelle zu weit führen, darum verweise ich auf deren Einführung im Einleitungskapitel 1.2, sowie auf die im weiteren Verlauf der Studie vollzogenen detaillierteren Auslegungen in Kap. 2.6, 3.5, 4.2.4, 5.3.5, darüber hinaus auf den Nachweis ihrer Wirksamkeit im Geschichtsprozess anhand empirischer Phänomene der Zivilisationsgeschichte in Kap. 8.4-8.6, 9.3.4, 9.3.5. Den Leser:innen der Rezension wie des Buches sei darum angeraten, das Kapitel 1.2 nicht zu übergehen, denn hierin wird der gesamte Satz aller für die Studie wesentlichen Entwicklungsprinzipien eingeführt, ohne deren Berücksichtigung weder der Ansatz noch die Resultate von Generative Realitäten I verstanden werden können.

Herr Faßler begrüßt in seiner kursorischen Exegese von Generative Realitäten I, dass die Studie über die Dogmen des Kulturalismus und Kulturrelativismus hinausführt (vgl. Faßler, 2020b, S. 577), doch gibt es zugleich auch Stellen, an denen der Rezensent selbst wieder in genau diese zurückfällt. So heißt es zum Übergang von der Neuzeit in die Technologische Zivilisation: „Nimmt man an, dass diese kybernetische, datentechnologische Großstruktur eine Universal- und Querschnittstechnologie ist – was ich empirisch und theoretisch teile –, muss erklärt werden, wieso diese, trotz aller kulturellen Differenzen (inkl. methodischem Kulturrelativismus) sich haben durchsetzen können. Die Antwort auf diese implizierte Frage ist nur in Ansätzen zu finden.“ (Faßler, 2020b, S. 579f.). Dass der Rezensent die Antwort auf diese Frage nur in Ansätzen vorfindet, irritiert mich als Autor sehr, denn das gesamte Buch zielt auf die Beantwortung dieser Frage! Die beiden Schlusskapitel, in denen die Rekonstruktion der Zivilisationsgeschichte als regelhaftem Prozess schließlich auf die Neuzeit und Technologische Zivilisation einschwenkt, erläutern dies auf gut 100 Seiten oder ca. 1/7 des gesamten Buches (Löffler, 2019, Kap. 8.5, 8.6, S. 497-594). An dieser Stelle scheint Herr Faßler mit seinem Einwand wieder genau aus dem zivilisations-theoretischen Rahmen hinauszufallen, in den er sich eben noch hineingefunden hatte. Die „datentechnologische Großstruktur“ als „Universal- und Querschnittstechnologie“ identifiziert zu haben bedeutet, sie bereits unter dem Paradigma der anthropologisch-kulturevolutionären Zivilisationstheorie begriffen zu haben, die universale Zustände menschlich-kultureller Weltbeziehungen freilegt. Es geht eben gerade nicht mehr darum, Leistungen partikularer Kulturen herauszuarbeiten (unter den Entwicklungsprinzipien der Koevolution, Kumulation, Konvergenz und Rekursion zeigt sich etwa, dass der „westliche Sonderweg“ in der Technologieentwicklung kein absoluter Sonderweg ist, sondern ein relativer Entwicklungspfad, der vom Westen lediglich zuerst beschritten wurde, dies jedoch durchgehend auch auf den Leistungen früherer und anderer Kulturen aufbauend und unter vielen Innovationsdiffusionen, etwa der Null aus Indien, den arabischen Ziffern oder dem chinesischen Kompass und Schießpulver). Das Erklärungsprimat zu Entwicklungen in der Geschichte kann also nicht mehr in „Kulturen“ oder in Konflikte zwischen Kulturen gelegt werden (wie Faßler selbst noch als Gewinn der Studie vermerkt; vgl. Faßler, 2020b, S. 577), die sich gegeneinander durchsetzen würden, sondern muss von der Frage ausgehen, welche universalen, kulturinvarianten Technologien wann und unter welchen Bedingungen freigestellt wurden. Es kommt also nicht darauf an, wer zuerst den Hammer oder den Streitwagen erfunden hat, sondern darauf, dass sie erfunden wurden, dass sie unabhängig voneinander erfunden wurden und dass sie sich – eben als universale oder kulturinvariante Kultur-/Techniken – verbreiten konnten. Geschichte ist aus der hier verfolgten zivilisationstheoretisch-anthropologischen Sicht ein Lernprozess und gerade nicht eine Abfolge von Kulturkonflikten und Dominanzverhältnissen (wenngleich diese natürlich in vielerlei Hinsicht die generativen Bedingungen stellen), da diese sich jeweils nur auf „Plateaus“ oder „Bühnen“ der zur Verfügung stehenden, also kumulativ entwickelten Technologien, Medien und Organisationsmittel abspielen können. Auf die Geschichte der Entwicklung dieser „Plateaus“, „Bühnen“, Möglichkeits- oder eben Phasenräume, innerhalb derer sich konkrete geschichtliche Ereignisse und „Szenen“ abspielen – oder allgemeiner: Realitäten sich konkretisieren – können, kommt es an, und hierauf weist Generative Realitäten I hin. Herrn Faßlers Einwand impliziert in der Übersetzung also die Frage, warum sich die westliche Kultur durchgesetzt habe. Das ist eine falsch gestellte Frage, denn nicht der Westen als Kultur, sondern der Westen als Ausdruck einer Technologiestruktur hat sich durchgesetzt, in anderen Worten: Eine Technologiestruktur hat sich durchgesetzt. Die „Universal- und Querschnittstechnologie“ des Digitalen ist wie der Hammer, der Streitwagen oder die Schrift eine universale und kulturinvariante Form der Weltbemächtigung und eben kein kontingentes Anhängsel einer spezifischen Kultur. Es ist also wichtig, nicht wieder in die kultur-theoretische und kulturalistische Perspektive zurückzufallen und den entscheidenden Unterschied der anthropologischen, zivilisations-theoretischen Perspektive anzuerkennen: dass alle Menschen als Menschen in dieselbe Welt gestellt sind und an derselben Welt lernen, mit ihr umzugehen, vor drei Millionen Jahren wie heute. Dies ist unter dem Strich die Lehre, die das Buch Generative Realitäten I den Menschen zur Bewältigung des 21. Jahrhunderts anbietet.


Ergänzungen zu den Inhaltsangaben

Herr Faßler bekundet, das Buch „unter ungeduldigem Lesen“ verarbeitet zu haben (Faßler, 2020b, S. 578), was sehr verständlich ist angesichts des Umfangs von 784 Seiten und der Seitenbegrenzung einer Rezension. Hierdurch lassen sich sicher die Ausblendungen vieler wesentlicher Konzepte und Befunde sowie die paradigmatische Schlagseite erklären. Umso beeindruckender ist für mich, dass Herr Faßler trotzdem auch einige der weniger offensichtlichen zentralen Konzepte und Ideen mit einem äußerst geschärften Theorie-Auge erfasste und rekonstruieren konnte.
Das „ungeduldige Lesen“ führte offenbar jedoch auch dazu, dass einige Inhaltsangaben zu rasch vorgenommen wurden und so oftmals schlicht nicht zutreffend sind, d.h. die Inhalte des Buches werden durch den Rezensenten falsch wiedergegeben. Um zu verhindern, dass interessierte Leser:innen hierdurch auf falsche Fährten geführt werden, ist es notwendig, diese falschen Angaben des Inhalts abschließend noch zu ergänzen. Berücksichtigt man diese Ergänzungen, findet man in Manfred Faßlers Rezension einen interessanten und instruktiven Zugangspunkt zu Generative Realitäten I.

Im Folgenden füge ich einer Auswahl der ergänzungsbedürftigen Stellen der Rezension die notwendigen Korrekturen an. Es handelt sich dabei nicht um Einwände gegen Herrn Faßlers Lesart von Argumenten des Buches oder Interpretationen des Ansatzes, sondern um die Richtigstellung der Wiedergabe der objektiv vorliegenden, d.h. im Buch explizit bearbeiteten Inhalte, Themen und Konzepte. Die Reihenfolge der Ergänzungen folgt dem Aufbau des Rezensionstexts.


1. „Im Zentrum steht der forschungsstarke Ansatz der Evolutionsbiologin Miriam Haidle, die die evolutionären Zustände menschlicher Selbstorganisation über den nach-genetischen Term der „kognitiven Kapazitäten“ entziffert. Ziel der vorliegenden Arbeit sind ‚Generative Realitäten I‘, die die Entwicklung des Homo sapiens bis heute beziffert: also die ersten 200.000 Jahre. Der Moment, ab dem es konzeptionell interessant wird, ist der Moment der kognitiven Revolution, in deren Verlauf Menschen lernten, verschiedenste Materialien (Holz, Steinscherben, Hornspitzen, Harz, Gras) zu Speeren und Pfeilen zu verbinden.“
(Faßler, 2020b, S. 575)

Ergänzung
Die Studie beruht auf dem kognitionsarchäologischen Modell der „Erweiterungsgrade kultureller Kapazitäten“, entwickelt von der Paläoanthropologin, Hominisationsforscherin und Kulturevolutionstheoretikerin Miriam Haidle (zu Details siehe den Hauptartikel in Haidle, et al., 2015, oder die Zusammenfassung des Artikels in deutscher Sprache in Löffler, 2019, Kap. 3). Das Modell zeigt anhand der Analyse archäologischer Artefakte (in erster Linie erhaltene Werkzeuge), dass die sogenannten Problem-Lösungs-Distanzen bzw. die Tiefen der Operationsketten, die die Herstellung und den Gebrauch von Werkzeugen charakterisieren, sich im Lauf der Kulturevolution kontinuierlich ausweiten. Durch diesen kognitionsarchäologischen Ansatz lassen sich in der Kulturevolution vier kumulativ aufeinander aufbauende Grade der Werkzeugkomplexität identifizieren, die sogenannten „kulturellen Kapazitäten“. Das Modell setzt an beim sekundären Werkzeuggebrauch, der vor 3 Millionen Jahren auftrat und eine wesentliche kognitive Revolution darstellt, und weist mit den drei folgenden „Graden kultureller Kapazitäten“ zugleich auch drei weitere „kognitive Revolutionen“ im Laufe der Hominisation aus, die sich an der diskreten Vertiefung der Operationsketten an den Werkzeugen ablesen lassen. Das Buch, das sich zentral auf das Modell von Haidle et al. bezieht, deckt somit die gesamte Zeitspanne von vor 3 Millionen Jahren bis heute ab.
Speere mit Knochen- oder Steinspitzen sind der „kompositären kulturellen Kapazität“ zugehörig, die dem gegenwärtigen Wissenstand nach vor etwa 300.000 Jahren ansetzt. Hiervon sind „Pfeile“ (wie in Pfeil und Bogen) zu unterscheiden, die einer späteren Kapazitätsstufe angehören, nämlich der „komplementären kulturellen Kapazität“, die vor etwa 100.000 Jahren ansetzt.
Entsprechend untersucht die Studie Generative Realitäten I Muster und Entwicklungslogiken in der Geschichte über den gesamten Zeitraum vom Beginn des sekundären Werkzeuggebrauchs vor 3 Millionen Jahren bis heute.
Es gibt in der Phase der Hominisation somit nicht eine kognitive Revolution, sondern dem Modell nach vier, wobei zwei davon größere Zäsuren bilden: der sekundäre Werkzeuggebrauch vor 3 Millionen Jahren initialisiert den Entwicklungspfad des Menschen; die „ideelle kulturelle Kapazität“ oder „notional cultural capacity“ vor etwa 40.000 Jahren, in der sich erstmals Exogramme (Donald) und Medien ausbilden, initialisiert die Zivilisationsgeschichte.


2. „Daraus ergeben sich die Grundlagen für Kap. 2, das sich mit den Übergängen aus der ökonomisch-technologischen Frühmoderne ab 1840 bis zur Fragmentierung und Neosynthese von Zivilisation befasst.“
(Faßler, 2020b, S. 577)

Ergänzung
Das Kapitel 2 behandelt die Geschichte der Sozialevolutions- und Kulturevolutionsforschung. So lautet die Kapitelüberschrift: „2. Einfassungen des Weltenwandels im Weltenwandel. Zur Verlaufsgeschichte der Paradigmen in der Kultur- und Sozialevolutionstheorie“
Die in diesem Kapitel eingeführten Begriffe „Fragmentarisierungsphase“ oder „Neosynthetische Phase“ bezeichnen Paradigmenphasen der Sozialevolutionsforschung. Zusammenfassend findet sich am Ende des Kapitels eine tabellarische Übersicht über die Phasen und ihren Merkmalen (siehe oben; Löffler, 2019, S. 141).


3. „Dem folgen ‚Schichten der Menschwerdung‘ (Kap. 3), Formalisierung der Noo- und Technogenese (Kap. 4) und umfangreiche Kapitel 5 – 8, die sich mit den Fragen der Entstehung und Festigung von Zivilisationsgeschichte, mit der Transformation von Kulturkapazitäten zu Zivilisationskapazitäten befassen.“
(Faßler, 2020b, S. 577f.)

Ergänzung
Eine Übersicht über die Kapitelinhalte findet sich im Buch auf S. 59f, an dieser Stelle eine Kurzfassung:
Kap. 3. Schichten der Menschwerdung: Das Modell der Erweiterung kultureller Kapazitäten
Zusammenfassung des kognitionsarchäologischen „Modells der Erweiterung kultureller Kapazitäten“ nach Haidle et al.
Kap. 4. Zur Formalisierung der Noo- und Technogenese. Entwicklungsmuster und -prinzipien in der Erweiterungsfolge kultureller Kapazitäten
Formalisierung der kulturellen Evolution anhand des Kapazitätenmodells; Extraktion universaler Entwicklungsprinzipien aus seinen Befunden, Ableitung formaler universaler Kriterien für entwicklungsgeschichtliche Zäsuren.
Kap. 5. Zum Urgrund der Zivilisationsgeschichte: Von der kulturellen zur zivilisatorischen Kapazität
Konzeptualisierung des Übergangs von der Kulturevolution zur Zivilisationsgeschichte vor ca. 40.000 Jahren. Einführung des Begriffs „zivilisatorische Kapazitäten“, durch den sich die formalen Entwicklungsprinzipien, die aus dem Modell der „kulturellen Kapazitäten“ abgeleitet wurden, auf die spätere Zivilisationsgeschichte anwenden lassen.
Kap. 6. Die Stellung der Achsenzeit in der Menschheitsevolution
Einführung und Diskussion des Achsenzeitbegriffs von Jaspers und der Achsenzeitdebatte. Nachweis, dass die Achsenzeit keine kontingente Geschichtsphase ist, sondern als ein spezifisches Segment der Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte verstanden werden muss.
Kap. 7. Antikes Griechenland, Neuzeit und Technologische Zivilisation als Stufen der Bemächtigung von Welt. Arno Bammés Theorie axialer Zäsuren
Zusammenfassung der Theorie achsenzeitlicher Zäsuren von Arno Bammé (Bammé, 2011). Nachweis, dass die von Bammé herausgearbeiteten späteren „achsenzeitlichen“ Zäsuren (Neuzeit, Technologische Zivilisation) genau wie die erste Achsenzeit nicht kontingente Erscheinungen sind, sondern als kumulativ logisch auftretende Segmente in der Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte verstanden werden müssen.
Kap. 8. Zivilisationsgeschichte als Folge rekursiver Erweiterungsgrade zivilisatorischer Kapazitäten
Anwendung der formalen Kriterien für diskrete Entwicklungsgrade in der Zivilisationsgeschichte anhand des Konzepts der „rekursiven Erweiterungsgrade zivilisatorischer Kapazitäten“. Identifikation der frühen Hochkulturen, der Achsenzeit in Griechenland, der Neuzeit und der Technologischen Zivilisation als kumulativ und rekursiv aufeinander aufbauende Grade zivilisatorischer Kapazitäten. Im Ergebnis wird hier gezeigt, dass die auf die Neuzeit folgende Technologische Zivilisation eindeutig als eine qualitativ neue Epoche der Menschheitsgeschichte zu verstehen ist.
Kap. 9. Resümee: Durch die Früh- zur Spätgeschichte des Menschen
Zusammenfassung des Argumentationsgangs sowie Darstellung des Spektrums weiterer wissenschaftlicher und sozialer Felder, in denen der Ansatz und seine Befunde zur Anwendung kommen können.


4. „Kap. 9 formuliert ein ‚Resümee‘, das aber weitgehend neue Dimensionen zur ‚Zivilisationsgeschichte als regelhaften Prozess‘ diskutiert. Wissenschaftsgeschichte, speziell Physik und Mathematik nehmen darin einen breiten Raum ein. [a]
Dies zu Recht, methodisch, entwicklungsgeschichtlich, koevolutionär. Wobei gerade diese alte Familiengeschichte Philosophie und Mathematik durchaus im Aufbau des Textes früher hätte integriert werden können. [b]“
(Faßler, 2020b, S. 578)

Ergänzung
a) Auf die Zusammenfassung des gesamten Argumentationsgangs in 9.1 und 9.2 folgt in 9.3. die Auffächerung des Spektrums möglicher weiterer Anwendungsfelder. Speziell Physik und Mathematik werden dabei in nur einem von insgesamt 16 Unterkapiteln behandelt. Die anderen Kapitel thematisieren folgende Bereiche: Ideen- Philosophie-, Theorie-, Kunst- und Ästhetikgeschichte, Epistemologie, Religion, Sprache, Mediengeschichte, KI-Forschung, Politik, Pädagogik, Ethik, Transformationsdesign.
b) Die „Familiengeschichte Philosophie und Mathematik“, also der Formzusammenhang zwischen diesen Feldern und ihren historischen Phänomenen, wird durchgehend explizit im Buch behandelt, nicht erst am Schluss. Dies erstens, weil die Koevolution und der Formzusammenhang dieser Bereiche ein zentrales Thema des Buches ist und darum ein struktureller Träger des Argumentationsaufbaus ist, zweitens weil auch Bammé in seinem Werk auf diesen wesentlichen Zusammenhang rekurriert und darin die Pionierleistung vorlegt, auf der das Buch aufbaut. Kapitel, in denen die Verschränkung von Mathematik, Philosophie, Weltverhältnis und Kognitionsstruktur explizit untersucht bzw. aufgezeigt wird, sind: Kap. 5.2.4, 5.2.5, 5.3.2, 5.3.3, 7.2.2, 7.3.1, 7.3.2, 8.4.1.c, 8.4.3.d, 8.5.1.c, 8.5.2.a-c, 8.5.3.a, 8.5.3.g. Darüber hinaus wird durchgehend auf die detaillierte Rekonstruktion der Mathematikgeschichte nach dem Kapazitätenmodell verwiesen, die im Anhang 4 stattfindet.


5. „Durchgehend schwierig ist der normativ, referenziell und regulativ unterbestimmte Term ‚Zivilisation‘. [….] Eine durchformulierte Position zu Zivilisation findet sich als Kapitel leider nicht.“
(Faßler, 2020b, S. 582)

Ergänzung
Die ethisch-normative Problematik um den mittlerweile zum Reizwort (oder wie man heutzutage auch sagt „Triggerwort“) gewordenen Term „Zivilisation“ ist mir selbstverständlich bekannt. Darum ist dieser Problemkomplex an vielen Stellen des Buches thematisiert worden.
Abgesehen davon jedoch kommt der Ausdruck „Zivilisation“ alleinstehend in Generative Realitäten I überhaupt nicht vor – eben schon gar nicht im emphatischen oder ideologischen Sinne. Es gibt die „Technologische Zivilisation“ (im Anschluss an Bammé, geschrieben mit großem T), womit eine spezifische Geschichtsphase gemeint ist [a], und es gibt den fachtechnischen Begriff der „zivilisatorischen Kapazitäten“ [b], der ein Theoriebegriff ist und keinerlei Wertung enthält (um genauer zu sein: alle Kulturen sind Ausdruck zivilisatorischer Kapazitäten, ihre Werte und Normen, ihre Disparatheiten und Ähnlichkeiten erklären sich aufgrund dessen, dass sie je unterschiedliche „zivilisatorische Performanzen“, also kulturelle Praxen aktivieren und reproduzieren).
Darüber hinaus enthält das Buch zahlreiche Auseinandersetzungen mit der ethisch-normativen Problematik von „Zivilisations“-Begriffen in der Theorie- und Geistesgeschichte [c].
a) Kapitel, in denen erläutert wird, was unter „Technologische Zivilisation“ zu verstehen ist, sind Kap. 1, 7.4, 8.6, 9.5.
b) Kapitel, in denen das Konzept der „zivilisatorischen Kapazitäten“ eingeführt und ausgebaut wird, sind Kap. 5, 8.1, 8.2.
c) Kapitel, in denen explizit und implizit der „klassische“ euro- bzw. ethnozentrische normative Begriff von Zivilisation bzw. der Problemkomplex „Zivilisation vs. wilder Urzustand“, „Zivilisation vs. Barbaren“, auch „Zivilisation vs. Kultur“ behandelt wird, der noch bis ins mittlere 20. Jahrhundert spannungsreich wirkte, sind Kap. 2, darin besonders 2.1, 2.2, 2.6, 6.2, darüber hinaus 7.6, 8.1, 8.2.


Die Rezension enthält noch eine Reihe weiterer problematischer Wiedergaben der Inhalte.
So scheint mir, dass Herr Faßler etwa den Begriff der „zivilisatorischen Kapazität“ oder den theorietechnischen Begriff der „globalen Ordnung“ (nach Heiner Mühlmann; vgl. Löffler, 2019, Kap. 2.4.1, 5.2) mit dem sachdimensionalen oder alltagssprachlichen Gebrauch von „Zivilisation“ (wie etwa in „globale Zivilisation“ im Sinne von medial/ökonomisch/technisch gebundene Weltgesellschaft) vermischt (vgl. Faßler, 2020b, S. 582).
An einer Stelle moniert Herr Faßler, dass die Lösung für eine Verbindung von kollektiver Intentionalität, Reziprozität, Ontogenese und Phylogenese nicht gegeben sei und verweist dann auf eine „Zwischenlösung“, die in der „aktuellen Debatte um die ‚communal-intelligence'“ liegen könnte (Faßler, 2020b, S. 582). Tatsächlich wurde dieses Problem in der Studie nicht nur explizit behandelt, sondern die darin explizit vollzogene Verbindung von Sozialität und Kognitionsstruktur bildet die konzeptuelle Schlüsselstelle des ganzen Werkes, ohne die alle weiteren Ausführungen nicht verstanden werden können. Es handelt sich um die ab der „ideellen kulturellen Kapazität“ mit dem Beginn der Zivilisationsgeschichte vor 40.000 Jahren einsetzende „kollektiv distribuierte Mustererkennung“, welche die Grundlage der Zivilisationsgeschichte und des zivilisationsgeschichtlichen Kumulationsprozesses schlechthin ist (explizit in Löffler, 2019, Kap. 5.2 und 5.3, speziell 5.3.3). Des Weiteren beruht hierauf auch der konzeptuelle Kernbefund der Studie, das „weltgenetische Rekursionsgesetz“ (Löffler, 2019, Kap. 5.3.5).
Dass diese Schlüsselkonzepte übersehen worden sind, könnte darauf hindeuten, dass das Buch stellenweise vielleicht doch etwas zu „ungeduldig“ gelesen wurde mit der Folge, dass nicht alle Kernaussagen und Befunde des Buches in Gänze erfasst worden sind. Diese Probleme, die schon in die freie Interpretation hineinreichen, lassen sich jedoch nur durch Kenntnis der besagten Stellen im Buch sinnvoll auflösen. Mit diesem Verweis möchte ich diese knappe Replik auf Herrn Faßlers Rezension beenden und überlasse weitere Klärungen der offenen Diskussion, die dieser Kommentar, so die Hoffnung, vielleicht auch anzuregen vermag.


Literatur

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Davor Löffler. Generative Realitäten I: Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2019.

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