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Rezensionen Generative Realitäten I

1. Rezension von Hanno Pahl, „Ein ganz großer Wurf“, Soziopolis, 14.1.2020

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Zu dieser Rezension eine kleine Anmerkung.
An einer Stelle schreibt Hanno Pahl: „[An Bammés] Programm knüpft Löffler mit der Absicht an, es noch zu überbieten.“
Tatsächlich ging es in keiner Weise darum, Bammés Studie (Bammé, 2011) zu „überbieten“, sondern darum, sie produktiv fortzuführen. Meiner Einschätzung nach müsste Bammés Buch Homo Occidentalis (wie hoffentlich an einigen Stellen in Generative Realitäten I hinreichend deutlich gemacht wurde), bereits heute als Klassiker der Soziologie des 21. Jahrhunderts gelten. Doch erst die Einbettung der historisch-soziologischen Befunde Bammés in den höheren Rahmen der sozialen und kulturellen Evolution ermöglicht es, die in Homo Occidentalis aufgeworfenen und mit Bammés soziogenetischem Ansatz nicht lösbaren Fragen zu beantworten.
Speziell die Anwendung und Übertragung des kulturevolutionären Modells der auf dem Sperrklinken- bzw. Wagenheber-Effekt (Ratchet-Effekt; Kumulation) beruhenden „Erweiterung kultureller Kapazitäten“ (Haidle et al., 2015) ermöglicht es, die von Bammé isolierten „axialen Zäsuren“ – Achsenzeit in Griechenland (800-200 v.u.Z.), Neuzeit (1400-1900), Technologische Zivilisation (ab 1870) – in den allgemeinen Rahmen der Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte einzubetten. Hierdurch können
1) ihre Positionen im Zivilisationsprozess präzise angegeben werden,
2) die Entwicklungspfade der Gegenwart hin zur nun anbrechenden „Technologischen Zivilisation“ (Bammé, 2011) extrapoliert werden,
3) einige der kulturellen, institutionellen und geistigen Eigenschaften der „Technologischen Zivilisation“ abgeleitet werden.
Durch die Einbettung der „axialen Zäsuren“ in die kulturevolutionär aufgeschlüsselte Zivilisationsgeschichte wird es also möglich, die in Bammés Homo Occidentalis offen gebliebenen Fragen zu beantworten. Es wird etwa möglich abzuleiten, welche neue Kognitionsstruktur und Metaphysik, welches Weltverhältnis und Bewusstseinsform, welche Ökonomieform und politische Organisation auf Basis der heute sich entwickelnden Technologien entstehen kann, d.h. welche Zivilisationsform auf die Moderne folgen muss, aus ihr herauswachsend, derzeit noch im „Keimzustand“ der Potentialität. Bammés Homo Occidentalis bietet hierfür die notwendige Vorarbeit. So versteht sich Generative Realitäten I in keiner Weise als Versuch einer Überbietung, sondern steht vielmehr „auf den Schultern“ von Arno Bammés Werk, dies, indem es fortsetzt und gesamtgeschichtlich komplettiert, was Bammé zuerst skizziert hatte. Generative Realitäten I ist somit als der logisch folgende Schritt zu verstehen, der kumulativ, d.h. dem zivilisatorischen Wagenheber-Effekt gemäß auf Bammés Homo Occidentalis aufbaut.

Randnotiz 1. Die Dissertationsschrift, auf der das Buch Generative Realitäten I beruht, hatte ich Arno Bammé im Jahr 2016 vorgestellt und ihn damit auf die Notwendigkeit bzw. auf die Potentiale hingewiesen, die „axialen Zäsuren“ in den Verlauf der Kulturevolution einzubetten (das Kapitel zur Kritik am Ansatz von Homo Occidentalis verweist exakt auf den Sperrklinken- bzw. Wagenheber-Effekt, der auch in Hanno Pahls Rezension hervorgehoben wurde; vgl. Löffler, 2019, Kap. 7.6). Zwischenzeitlich hat Arno Bammé das Prinzip des Wagenheber-Effekts aufgegriffen und in seinem im Jahr 2020 erschienen Buch Die vierte Singularität. Perspektiven einer soziologischen Zeitendiagnostik verarbeitet (Bammé, 2020). Darin konzeptualisiert Bammé die „axialen Zäsuren“ nun jedoch als „Singularitäten“. Aus Sicht der neueren Kulturevolutionsforschung bzw. unter dem in Generative Realitäten I zur Anwendung gebrachten Modell der „Erweiterungsgrade kultureller Kapazitäten“ (Haidle et al., 2015) und der „Erweiterungsgrade zivilisatorischer Kapazitäten“ (Löffler, 2019) entsprechen die „axialen Zäsuren“ jedoch nur relativen Singularitäten, nicht absoluten Singularitäten. Relative Singularitäten bedeutet, dass diese Schwellen zwar in der konkreten Geschichte des Menschen einmalig durchlaufen wurden (bis auf die erste „Singularität“, die Bammé in der neolithischen Revolution identifiziert, die als Ausdruck der konvergenten Evolution bekanntlich an mehreren Orten und zu unterschiedlichen Zeiten stattfand, so also auf die in Generative Realitäten I betonten Konvergenzen und Universalen der Kulturevolution hinweist). Doch die Analyse der Gesamtgeschichte des Menschen vor dem Hintergrund der universalen Entwicklungsprinzipien der „Koevolution, Kumulation, Konvergenz und Rekursion“ (Löffler, 2019, Kapitel 1.2) zeigt, dass diese Schwellen keine „absoluten“ Singularitäten darstellen: Sie hätten aus kulturevolutionär-anthropologischer Sicht prinzipiell auch von anderen Kulturen durchlaufen und realisiert werden können. Es ist also nur ein historischer Zufall („Singularität“), dass sie konkret im „europäischen Sonderweg“ durchlaufen und realisiert wurden, es ist allerdings kein Zufall, dass sie durchlaufen und realisiert wurden! Sie hätten aufgrund ihrer Universalität als Stufen im Kumulationsprozess auch in kulturellen Entwicklungspfaden anderer Kulturen realisiert werden können.
So setzt Bammés Geschichtsrekonstruktion bei der „neolithischen Revolution“ an, überspringt dann jedoch die frühen Hochkulturen (Mesopotamien, Ägypten, China, Indien, Südamerika, deren Strukturähnlichkeiten wieder auf das Prinzip evolutionärer Konvergenz verweisen), um die Singularitätsthese halten zu können. Wie in Generative Realitäten I gezeigt, müssen jedoch die zivilisatorischen Innovationen und Leistungen der frühen Hochkulturen ebenfalls als notwendige Stufen im kumulativen Verlauf der Zivilisationsentwicklung (Wagenheber-Effekt) betrachtet werden, d.h. als universale Schwellen, deren Errungenschaften jeweils die notwendigen Voraussetzungen (Entwicklungsbedingungen) für spätere Errungenschaften darstellen (vgl. Löffler, 2019, Kap. 2.6). Nur wenn diese Phase bzw. Zäsur noch hinzugezogen wird, ergibt sich ein vollständiges Bild einer vom Sperrklinken- bzw. Wagenheber-Effekt bestimmten Zivilisationsgeschichte (vgl. Illustration in Löffler, 2019, S. 599, Abb. 16; link).
Das Erscheinen von Bammés Buch Die vierte Singularität bestätigt jedenfalls, dass die Verortung von Bammés Theorie als Ausdruck einer ab ca. 2020 einsetzenden neuen Phase der Sozialevolutionsforschung – und damit eines neuen Geschichts-, Menschen- und Weltbegriffs – in Generative Realitäten I korrekt gewesen ist. Bammés Werk ist als Ausdruck der „neosynthetischen Phase“ zu lesen, die auf die Phase des postmodernen System- und Kulturrelativismus folgt (siehe Löffler, Generative Realitäten I, 2019, S. 141, Tabelle 1; link).

Randnotiz 2. Apropos Zivilisationstheorie, Post-Relativismus, Konvergenz und „neosynthetische Phase“: Klaus Theweleit konzipiert in seinem 2020 erschienen Buch Warum Cortés wirklich siegte. Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen. Pocahontas 3, worin er die technikgeschichtlichen Gründe westlicher Dominanz aufschlüsselt, die menschliche Fähigkeit zur „Segmentierung und Sequenzierung“ als Relais zivilisatorisch-technologischer Entwicklung (vgl. Theweleit, 2020a; Theweleit, 2020b). Die Prinzipien „Segmentierung und Sequenzierung“ bilden dabei exakt Synonyme des in Generative Realitäten I herausgearbeiteten Prinzips der „Freistellung von Regularitäten“, der „Kommensurabilisierung von Agenten und Ereignissen“ und der „kumulativen Weltdifferenzierung“ sowie des „weltgenetischen Rekursionsgesetzes“ (vgl. Löffler, 2019, Kap. 4.3; Kap. 5.3; Anhang 3). Durch die Anwendung dieses Schlüsselprinzips menschlicher Weltbeherrschung (das im Übrigen bereits die Hominisation und kulturell-kognitive Evolution vor drei Millionen Jahren bestimmte und nicht erst, wie Theweleit annimmt, mit der Domestikation von Tieren vor etwa 10.000 Jahren ansetzte; vgl. Haidle et al., 2015), ergibt sich für Theweleit exakt dieselbe kumulative Folge zivilisatorischer Zäsuren bzw. von Stufen der Weltdifferenzierung, die auch in Generative Realitäten I gezeigt wurde. So Theweleit im Interview mit dem Deutschlandfunk:

„Und immer mit diesen beiden Prinzipien, die sich mir dann auftaten: Man segmentiert Teile der Wirklichkeit, behandelt sie in einer bestimmten Weise. Sieht, was geht. Sieht, was nicht geht. Dann bildet man Folgen davon, Sequenzen.
Die drum herum lernen das auch. Und das setzt sich fort über dann Metallschmelze, Tausende Jahre später, wo Erze und Metall und die Schlacke getrennt werden. Es setzt sich fort im Schiffsbau, zusammengesetzt aus ganz vielen verschiedenen Teilen: Seilen, Segeln, Masten, Hölzer von hier, Metalle von dort, bis hin zum Alphabet, das meiner Meinung nach daraus entsteht.
Diese Technik, die Welt in 26 Buchstaben, 24 Buchstaben zuerst, zu zerlegen und daraus ein Aufzeichnungsgerät zu machen, das phonetische Alphabet – das ist der Unterschied zu den Schriften vorher, die es gibt, das griechische phonetische Alphabet.
Und das geht weiter in Mathematisierung, Geometrisierung des Raums, Globus, Weltkarte anlegen, immer in Planquadraten, Längengrade, Breitengrade bis zur Atomstruktur, bakterielle Struktur, Mikroskop, heute in den Computern dasselbe Prinzip, Segment, Segment, Segmentierung, Segmentierung, endlose Sequenzketten, die wir heute in der sogenannten Digitalisierung haben.“ (Theweleit, 2020b).

Hierin benennt Theweleit exakt dieselben die Phänomene und Innovationen, die Arno Bammés „axiale Zäsuren“ bzw. die „Grade zivilisatorischer Kapazitäten“ in Generative Realitäten I charakterisieren, etwa Piktogrammschrift, Alphabet, zentralperspektivische Geometrisierung, Informationstechnologie (vgl. Löffler, 2019, S. 599, Abb. 16; link).
Genauer aufgeschlüsselt und illustriert findet sich der Prozess der „Segmentierung und Sequenzierung“ (Theweleit, 2020) bzw. der Prozess der „kumulativen Weltdifferenzierung“ in den Abbildungen zu den „Realisierungskegeln“ der jeweiligen „zivilisatorischen Kapazitäten“ (vgl. Löffler, 2019, S. 602-604, Abb. 17.1-17.3; link).
Auch Theweleits Ansatz ist also wie auch der Bammés als Ausdruck der „neosynthetischen Phase“ der Sozialevolutionstheorie zu verstehen (vgl. Löffler, Generative Realitäten I, 2019, S. 141, Tabelle 1; link).
In der Konvergenz dieser wohl unabhängig voneinander entstandenen Zivilisationstheorien drückt sich derselbe neue Grad der Weltdifferenzierung aus.


Literatur

Bammé, Arno. 2011. Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistemologie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Bammé, Arno. 2020. Die vierte Singularität. Perspektiven einer soziologischen Zeitendiagnostik. Marburg: Metropolis.

Haidle, Miriam N., Michael Bolus, Mark Collard, Nicholas J. Conard, Duilio Garofoli, Marlize Lombard, April Nowell, Claudio Tennie und Andrew Whiten. 2015. „The nature of culture: an eight-grade model for the evolution and expansion of cultural capacities in hominins and other animals.“ Journal of Anthropological Sciences 93: 43-70. https://doi.org/10.4436/JASS.93011.

Löffler, Davor. 2019. Generative Realitäten I: Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Theweleit, Klaus. 2020a. Warum Cortés wirklich siegte. Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen. Pocahontas 3. Berlin: Matthes & Seitz.

Theweleit, Klaus, 2020b. Interview mit Joachim Scholl. „Theweleits Weltkulturgeschichte der Kolonisation. Pocahontas – oder am Anfang war #MeToo“. Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 21.07.2020; https://www.deutschlandfunkkultur.de/theweleits-weltkulturgeschichte-der-kolonisation-pocahontas.1270.de.html?dram:article_id=480946 (gesichtet 21.7.2020)