Kritiken, Repliken und weitere Anschlüsse zu Generative Realitäten I


Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde; Briefe sind nur dünnere Bücher für die Welt.
Jean Paul

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Interessierte,

zwischenzeitlich gingen viele Anfragen mit der Bitte bei mir ein, ein paar Worte zum Hintergrund von Generative Realitäten I zu sagen (einige Auszüge finden sich unter diesem link), die Grundidee des Ansatzes breiter auszulegen und Anschlüsse an andere Konzepte und Werke aufzuzeigen. Diese Anfragen sind gut nachvollziehbar, denn die auf knapp 800 Seiten entfaltete Untersuchung der Koevolution von Mensch, Geist, Kultur und Technologie spannt einen Bogen von der ersten Werkzeugherstellung über die Entstehung der Medien bis zum Digitalzeitalter, also über einen Zeitraum von drei Millionen Jahren. Hierbei zeigte sich, dass die Evolution der Technosphäre bzw. Noosphäre nicht kontingent, sondern regelhaft verläuft: Die Menschheitsgeschichte durchläuft eine logische Folge von Technikkomplexitäten und Abstraktionsgraden. Um diese Abstraktionsgenealogie – d.h. die Menschheitsgeschichte und Technosphärenevolution als Abstraktionsgenealogie – rekonstruieren zu können, mussten alle im Laufe der Entwicklung entstandenen soziokulturellen, kognitiven und technologischen Bereiche berücksichtigt und transdisziplinär in Beziehung gesetzt werden. Die Untersuchung fiel darum vergleichsweise komplex und vielschichtig aus (meinerseits übrigens gänzlich unintendiert, es ergab sich schlicht aus der Zusammenführung des Materials). Der Bitte um weitere Erläuterungen und Vertiefungen komme ich darum sehr gerne nach. Ein passender Weg hierzu schien mir zu sein, auf einige Punkte in den bislang vorliegenden Rezensionen und Kritiken des Buches einzugehen, denn so lassen sich en passant auch wesentliche Konzepte und Befunde aus Generative Realitäten I nochmals verdichtet erläutern. Die folgenden Kommentare zu den Rezensionen sollen Interessierten weiteres Material an die Hand geben, an erster Stelle jedoch zu weiteren Dialogen einladen. Nachfragen und Feedback jeder Art sind somit jederzeit willkommen.
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1. Stufen der Abstraktion in Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte.
Kommentar zur Rezension von Hanno Pahl, „Ein ganz großer Wurf“, Soziopolis, 14.1.2020
Randnotiz 1 zu Arno Bammé, Die vierte Singularität
Randnotiz 2 zu Klaus Theweleit, Warum Cortez wirklich siegte
Randnotiz 3 zu Hanno Pahl, Geld, Kognition, Vergesellschaftung
Randnotiz 4 zu Jürgen Renn, Die Evolution des Wissens

2. Nach der Kontingenz: Zur Matrix des Werdens.
Kommentare und Ergänzungen zur Rezension von Manfred Faßler, Soziologische Revue, 4.12.2020

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Auszug:

(…) Randnotiz 4. Jürgen Renn, Die Evolution des Wissens. Eine Neubestimmung der Wissenschaft für das Anthropozän
Die Ansicht, dass die Evolution und Geschichte des Menschen, der Kultur, des Wissens und des Bewusstseins (mithin die Evolution der Technosphäre und Noosphäre) als ein regulärer Naturprozess begriffen werden muss, der von Entwicklungsprinzipien und -mechanismen bestimmt und von universalen Entwicklungsgraden durchzogen ist, bestätigte sich jüngst durch eine weitere Veröffentlichung. Im Jahr 2020 legte Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, eine umfassende Nachzeichnung der Evolutionsgeschichte des Wissens vor (The Evolution of Knowledge: Rethinking Science for the Anthropocene; Renn, 2020), die 2022 auch in einer deutschsprachigen Ausgabe erscheint (Renn, 2022). Ein zentrales Konzept in seiner Rekonstruktion der Wissensgeschichte ist die „iterative abstraction“, die Renn im Glossar seines Buches (eingeführt in Renn, 2020, S. 58-60) so definiert:

iterative abstraction: The historical process through which a hierarchy of reflective abstractions is formed. This hierarchy is based on the possibility of generating a new level of abstraction by a reflection on material practices typically involving external representations such as, for instance, the constructed diagrams of Euclidean geometry, which themselves result from reflection on more elementary and historically antecedent experiences (such as the use of ruler and compass in surveying practices).” (Renn, 2020, S. 417).

Spezifizierend fügt Renn der „iterativen Abstraktion“ ein weiteres Konzept hinzu:

recursive blindness: A side effect of iterative abstractions – the seeming independence of abstract concepts from the specific experiences and concrete actions from which they originated.” (Renn, 2020, S. 417).

„Iterative Abstraktion“ und „rekursive Blindheit“ nun beschreiben zusammengenommen nichts anders als das in Generative Realitäten I entwickelte Konzept der „prozessemulativen Rekursion“ (vgl. Löffler, 2019, S. 199-204), also den kulturevolutionär-zivilisationsgeschichtlichen Entwicklungsmechanismus der Abstraktion und Wiedereinführung eines Vorgangs in eine hierarchisch höhere Integrationsebene. Dies wurde mit Bezug auf die Technologieentwicklung in der frühen Kulturevolution so eingeführt:

„[D]iese Wiedereinführung früher entwickelter kultureller Verhaltensweisen und technischer Assemblagen in spätere beschreibt die prozessemulative Rekursion. Die Kernthese und das Kernkonzept dieser Studie ist, dass das Prinzip der prozessemulativen Rekursion nicht nur der Entwicklungsfolge der Kapazitäten in der frühen Kulturevolution als entwicklungslogisches Muster zugrunde liegt, sondern auch Entwicklungsgraden in der Zivilisationsgeschichte.
Die Stufen der Erweiterung kultureller Kapazitäten können formal als Grade der Rekursion oder Wiedereinführung von Prozessen in höhere operative Zusammenhänge gefasst werden. Dabei werden Prozessformen abstrahiert, aus dem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, materiell externalisiert und emuliert. Hierdurch entsteht zugleich eine hierarchisch höhere Integrationsebene von Operationseinheiten. Die prozessemulative Rekursion vollzieht sich also in einem Dreischritt: Abstraktion, Materialisierung/Externalisierung, Emulation.“ (Löffler, 2019, S. 199).

„Mit der Entstehung jeder höheren Integrationsebene erhöht sich daher die Abstraktionstiefe gegenüber der vorherigen und es treten neue universale platonische Prozessformen auf. Das Muster der diskreten Steigerung von Kapazitäten durch prozessemulative Rekursion vorheriger Kapazitäten zieht sich von der Urgeschichte bis in die Gegenwart.“ (Löffler, 2019, S. 204).

Eine Illustration des Auftretens des Prinzips der Rekursion und der Hierarchieebenen (Löffler, 2019, Abb. 7, S. 202) in der frühen Technologieentwicklung während der Kulturevolution vermag dies zu veranschaulichen.

Tatsächlich bezeichnete ich ursprünglich (in einem ersten Vortrag hierzu im Jahr 2013 in Aarhus) die „prozessemulative Rekursion“ noch als „iterative Emergenz“, modulierte dann jedoch den Begriff dahingehend, dass die „Iteration“ beibehalten bleibt („Rekursion“), zugleich aber die Prozessualität (Vorgangsgebundenheit) berücksichtigt wird. Warum? Weil sich das Prinzip der „prozessemulativen Rekursion“ bzw. schematisch der „iterativen Abstraktion“ nicht nur auf die Wissen(schaft)sgeschichte beziehen lässt bzw. deren wesentliches Entwicklungsmuster darstellt, sondern dieses auch in Vorgängen bzw. Entwicklungen aller weiteren soziokulturellen und technischen Bereiche auftritt. Es handelt sich also um ein allgemeines, universales Entwicklungsmuster in der Kulturevolution und Zivilisationsgeschichte (darum lautete der Titel der 2016 eingereichten Dissertation, auf der Generative Realitäten I beruht, „Rekursion zivilisatorischer Kapazitäten als Entwicklungsmuster in der Zivilisationsgeschichte“). Während also Renn das Prinzip der „iterativen Abstraktion“ und der einhergehenden Hierarchiestufen der Abstraktion aus der Wissenschaftsgeschichte ableitet und das Prinzip primär auf diese anwendet, liegt in Generative Realitäten I bereits der nächste logische, umgreifendere Schritt vor. Darin wird die „iterative Abstraktion“ bzw. „prozessemulative Rekursion“ als basales Entwicklungsprinzip identifiziert, das in vielen anderen Bereichen außerhalb der Wissenschaftsgeschichte wirksam ist, leicht einsichtig in der Technologieentwicklung, aber auch in der historischen Entwicklung der Ökonomie, der Medien, der Mathematik, Philosophie, Kunst, den Weltbildern und den Kognitionsstrukturen usw. Einen Zoom in hoher Detailauflösung auf einen solchen „iterativen“ Abstraktionsschritts innerhalb eines spezifischen soziokulturellen Bereichs unternahm wie oben umrissen Hanno Pahl, der zeigte, dass das Prinzip der „prozessemulativen Rekursion“ bzw. „iterativen Abstraktion“ auch der Evolution des Geldes zugrunde liegt (Pahl, 2021). Man kann Jürgen Renns Werk analog hierzu als einen Zoom auf einen gesonderten Bereich der menschlichen Geschichte auffassen, nämlich auf die Wissenschaftsgeschichte, der die Konzepte in Generative Realitäten I bestätigt (ähnlich extensiv wie in Hanno Pahls Studie).
In Renns Buch geschieht diese Bestätigung bemerkenswerterweise zugleich auf drei Weisen bzw. Ebenen, nämlich empirisch-deskriptiv, epistemologisch-ontologisch und real kulturevolutionär:

1. Renns evolutionäre Rekonstruktion der Wissenschaftsgeschichte aus kulturevolutionärer Perspektive entdeckt und bestätigt in sehr viel höherem Detailgrad dieselben wissenschaftsgeschichtlichen Befunde und zivilisationstheoretischen Konzepte, die in Generative Realitäten I entdeckt und entwickelt wurden (vgl. Löffler, 2019, Kap. 8.2, 8.4.-8.6, 9.3, Anhang 4) – dies freilich kein Zufall, da ich mich an vielen Stellen auf die Forschung des MPIWG bezogen habe (bei Renn jedoch bleiben die übergeordnete, vertikale Kumulationslinearität unterbetont und demgegenüber kontingente lokale Wissenskulturen überbetont, weshalb das Buch auch knapp an der Einsicht in die übergreifende Logik der Koevolution und kumulativen Stadienfolge vorbei geht, somit die Evolution der „Technosphäre“ (Löffler, 2009) nicht vollständig abgebildet wird und darum das „Anthropozän“ nur formal vollumfänglich begriffen ist: Es fehlt die Berücksichtigung der unten angeführten weiteren soziokulturellen Bereiche und Phänomene im koevolutionären Wechselspiel sowie deren „Formzusammenhang“).

2. Dass Renn in seinem Ansatz unabhängig von meinem dieselben Entwicklungsprinzipien freistellt, muss als „Konvergenz“ und „multiple Entdeckung“ verstanden werden, womit sich dieses Prinzip, das in Generative Realitäten I als wesentlicher Schlüsselbefund herausgestellt wurde (vgl. Löffler, 2019, S. 43-46, 133-136, 642-654), im Erscheinen des Buches von Renn selbst bestätigt. Man kann hieran also quasi „live“ miterleben, wie Kulturevolution prozessiert, und zwar regelhaft, durch die Autoren und ihr Denken hindurch: Beide unabhängig voneinander entstandenen Werke konkretisieren denselben kumulativen Schritt der Erhöhung der Weltauflösung, Abstraktion und Integration. Die neue Epistemologie und Ontologie äußert sich in dieser Konvergenz.

3. Dies wiederum bestätigt die Ableitung, dass sich ab 2020 eine neue wissens-, epistemologie- und wissenschaftsgeschichtliche Phase einstellt, die „neosynthetische Phase“ (Löffler, 2019, S. 119-140) bezogen auf die Kulturevolutions- und Geschichtsforschung und der „Generative Prozessualismus“ als engere Phase bezogen auf die Epistemologiegeschichte ab 1900 (Technologische Zivilisation), die den systemrelativistischen „Hybridenmaterialismus“ (2000-2020, New Materialism, ANT usw.) kumulativ ablöst (Löffler, 2019, S. 646-649, Tab. 9). Die „multiple Entdeckung“ der „prozessemulativen Rekursion“ bzw. der „iterativen Abstraktion“ ist somit selbst Ausdruck einer neuen Entwicklungsstufe der Kulturevolution, einer neuen Stufe der Abstraktion und der „Resolution“ (Weltauflösung und Integration von Ereignissen), die als Ausdruck desselben Segments im „Realisierungskegel“ der Technologischen Zivilisation gelesen werden muss. Es bestätigt sich hierin auch der „Formzusammenhang“ dieses zivilisationsgeschichtlichen Segments als real existierendes Phänomen (vgl. Löffler, 2019, S. 646-653).

Jürgen Renns großes Werk beleuchtet also bildlich gesprochen vorrangig eine „Seite“ des „Würfels“ Kulturevolution, einen Aspekt der Zivilisationsgeschichte, nämlich den wissenschaftsgeschichtlichen (analog hierzu Hanno Pahl den ökonomiegeschichtlichen), während in Generative Realitäten I der gesamte „Würfel“ berücksichtigt, also alle weiteren Dimensionen der kulturell-technologischen Entwicklung und deren koevolutionären Wechselwirkungen bis in die Gegenwart hinein abgebildet wurden. Hierdurch erst lassen sich kulturevolutionäre Aussagen über die Gegenwart und Zukunft ableiten. Neben der Zusammentragung der Befunde in Tabelle 8 (Löffler, 2019, S. 600 f.) mag die graphische Zusammenfassung der Rekursionsstufen in der Zivilisationsgeschichte (Löffler, 2019, Abb. 16, S. 599) einen Eindruck davon vermitteln.

Löffler, Davor (2019): Generative Realitäten I: Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Renn, Jürgen (2020): The Evolution of Knowledge: Rethinking Science for the Anthropocene. Princeton: Princeton University Press.

Renn, Jürgen (2022): Die Evolution des Wissens. Eine Neubestimmung der Wissenschaft für das Anthropozän. Berlin: Suhrkamp.


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